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Memento

Ich war zur Eröffnung einer Ausstellung eingeladen, die versuchte, etwas sichtbar zu machen, was in zweifacher Hinsicht unsichtbar ist: „Vergessene Bauhaus-Frauen“. Viele der Frauen, die am Bauhaus studierten oder arbeiteten, sind als Personen aus der Erinnerung verschwunden. Sie hatten geheiratet, sich umorientiert, waren emigriert oder im Krieg umgekommen.

Auch in ihren Werken sind sie aus der Erinnerung verschwunden: Sie haben für die Nachwelt kaum Dinge hinterlassen, die sich ein Jahrhundert später zur Präsentation in einem Museum eignen. Deshalb war es eine mutige Idee, dieses Nicht-Darstellen zum Thema zu machen, und umso eindrücklicher waren viele der gezeigten Nicht-Dinge.

Überlieferung

In meinem Fall war es ein kleiner Ausschnitt aus einem Briefwechsel meiner im Krieg umgekommenen Großmutter, die am Bauhaus studiert hatte. Er war in einem Archiv aufgetaucht und in Kopie an uns als Nachkommen gelangt.

Darin erzählt eine junge Frau unbefangen einem engen Freund von Kunst, Kultur und ihrem Alltag, von gemeinsamen Bekannten und davon, wie sie die Vermarktung mancher Bauhaus-Produkte erlebte. Mein Thema an diesem Abend waren nicht die ausgestellten Gegenstände, sondern der Einblick in das Leben und den Alltag dieser jungen Frau, die meine Großmutter ist, ohne dass sie je meine Großmutter werden konnte.

Die Lebendigkeit und die Persönlichkeit dieser Briefe hatte mich unmittelbar angesprochen und ich hatte eine starke Nähe und Ähnlichkeit empfunden. In ihrer Ausdrucksweise, der bildhaften Sprache und vorsichtig-ironischen Art hatte ich mich, meine Mutter und meine Schwestern wiedergefunden. Nach dem Lesen versteht man, dass das Schlimme nicht war, dass sie aus Geldmangel ihr Studium abbrechen musste, sondern dass nach der Machtergreifung und der Schließung des Bauhauses eine Lebensweise zu Ende gegangen war. Es gab keinen freien Austausch mehr und die kreative Gemeinschaft, ihre Community, ihre Geistesfamilie, hatte sich aufgelöst.

Tradition

An diesem Eröffnungsabend wurde ich gefragt, ob wir in der Familie noch Werke aus der Bauhaus-Zeit haben, oder ob andere Familienmitglieder später „die Tradition fortgesetzt hatten“ und objektschaffend künstlerisch tätig geworden waren. Mir wurde erst später bewusst, dass das die falsche Frage ist.

Ich hatte einen Blick auf eine junge Frau bekommen, die aus traditionsfestem, großbürgerlichen Elternhaus ausgebrochen war, um mit dem Studium am Bauhaus etwas völlig Neues auszuprobieren. Sie wollte gestalten, kreativ erschaffen und sich darüber mit Gleichgesinnten austauschen. Sie wollte anders leben, sich anders definieren als die höhere Tochter, die sie sein sollte.

An ihren Briefen wurde mir bewusst, dass das ein Muster darstellt: Die intensive Beschäftigung mit einem Interessengebiet, der Anspruch, es zu durchdringen und zu vertiefen, mit neuen Blickwinkeln Facetten zu ergänzen. Dazu gehört auch, manchmal etwas ganz neu zu beginnen, um sich dort auszudrücken oder in einem Nischenbereich zum Spezialisten zu werden. Und dieses Muster sehe ich auch bei anderen im Familienkreis, auf individuell unterschiedlichen Gebieten und immer in einer persönlichen Ausprägung von Fachwissen, Anspruch und Pionierarbeit.

Weitergabe

Nicht fürs Museum existieren wir, nicht für die Öffentlichkeit schaffen wir Neues, wir bedienen keinen Markt. Die Tradition besteht hier nicht darin, ausstellbare Dinge in einem wieder erkennbaren Stil produziert zu haben. Was weitergegeben wurde, ist der Wunsch, Wissen und Können zu erwerben, dieses auszubauen und aus Bestehendem etwas Neues zu schaffen. Auch wenn es keine bahnbrechenden Erkenntnisse, keine weltrettenden Erfindungen, keine berühmten Namen sind. Ob durch nature oder nurture spielt keine Rolle, denn es erfüllt uns mit Leben.