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Kein SAP

Bei meiner letzten oder vorletzten Arbeitslosigkeit stand ich in Kontakt mit einem Personaldienstleister. Unterlagen, Lebenslauf, Gespräch alles nach damaligem Standard, der Markt war schwierig, ich war offiziell gerade mal wieder „älter“. (Das wurde mir übrigens schon mit Ende 20 vorgehalten – ich sei bald 30, da würde es schwierig auf dem Markt. Ja danke auch. Der Typ arbeitete später in einem super-LGBTQ-korrekten Konzern, wie hatte er es da reingeschafft?)

Jedenfalls, ich war alt, und nicht nur das: Ich hatte zwar jede Menge unterschiedliche Berufserfahrungen, aber außer „alt“ hatte ich auch „kein SAP“. Das war bisschen blöd, aber Heilung wurde mir unmittelbar angeboten in Form einer Reihe von Online-Fortbildungskursen, völlig kostenlos für Sie, Zeit haben Sie ja?

Ich war beeindruckt, endlich ein Personaldienstleister, der auch mal in die andere Richtung schaute und an Qualifizierung dachte. Also setzte ich mich an den Computer und klickte mich durch „Grundlagen“, „Zusammenhänge“, „Rechnungsstellung“ und eine ganze Reihe 20-Minuten-Tutorials mit Titeln voller Akronyme.

„SAP“

Furchtbar. Lobpreisung des Systems und des Unternehmens, die praktischen Anteile eher so halbgar und – naja – eigentlich unpraktisch; über diffizile Abläufe wurde hopplahopp hinweggemüllert, manches war so schlecht gemacht, dass ich keine Abfolgelogik erschließen konnte. Zwei dieser Tutorials stürzten mittendrin ab und weil alles auf einander aufbauen sollte, war ich nur so mittel überzeugt.

Wenn man „alt“ ist, nörgelt man bekanntlich mehr, ich gab also beim nächsten Gespräch Rückmeldung über meine Erfahrungen.

„Das wissen wir, es ist halt nicht perfekt. Wann schließen Sie die Reihe denn ab? Dann haben Sie das Zertifikat und wir können Sie endlich breiter einsetzen, also mit SAP-Kenntnissen.“ Der Einwand, diese Tutorials hätten mir von SAP nicht viel mehr Tiefenwissen vermittelt als den Firmensitz, wurde großzügig weggewischt – „das ist mir klar, aber dann haben Sie SAP im Profil und das ist es, was die Kundschaft sucht.“

Meine Güte. Ich fand dann zum Glück recht schnell eine Position und konnte Tutorials und Zertifikate aus meinem Leben streichen. Deshalb habe ich bis heute „kein SAP“ und bin vermutlich immer noch schlecht vermittelbar. („Alt“ bin ich natürlich auch immer noch, aber davon redet inzwischen keiner mehr.)

In der Realität erstelle ich von Hand mit vier unterschiedlichen No-Marketname-Tools selbstständig Rechnungen in fünfstelliger Höhe. Dass ich damit für jeden Kunden seine individuellen Formvorschriften einhalte, dafür zwei dieser Anwendungen entsprechend überliste und das Format exakt wie vom gegnerischen Haupteinkauf gefordert rechtzeitig in deren tückisches Lieferantenportal reintackere – geschenkt.

Spannenderweise bin ich mit meinem „kein SAP“ deutlich weniger hilflos als manche Geschäftspartner, die ihrerseits „wegen SAP“ Rechnungen nicht nochmals korrigiert ausstellen können. Vielleicht sollte man mal so grundsätzlich über dieses „SAP“ nachdenken?