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Die sogenannte psychologische Sicherheit

Vor einigen Monaten war ich bei einem gut besuchten Kurzseminar zum Thema „Psychologische Sicherheit“ – interessantes Thema, gut nachvollziehbar und durchaus populär. Ein Blick ins Material zeigt, warum: Es strotzt vor Vokabular der psychologisierenden Positivität. Bedeutsam, klar, aufrichtig, achtsam, wertschätzend.

Sicherheit

Angstfreiheit wirkt hier in zwei Richtungen: als Produktivitätsbooster und als unterstützenswertes Ziel für das Individuum. Die angebotenen Seminare, Workshops und Beratungen sollen Methoden und Räume, Handlungsanweisungen und Übungen zur Verfügung stellen, die diese Angstfreiheit wahr machen können.

Vertrauen

Alles sehr schön, aber es ignoriert, dass das eigentliche Problem tiefer liegt.

Psychologische Sicherheit, also sich in einer Umgebung ausreichend sicher zu fühlen, um sich zu öffnen und zu beteiligen, hat grundlegend mit Vertrauen zu tun. Und Vertrauen ist ein Zustand, etwas tief Verankertes und Individuelles. Es entsteht in einem Bereich des Selbsts, der durch Trainings und Maßnahmen nicht gezielt steuerbar ist. Wenn es kaputt ist, ist es einfach kaputt. Einfordern funktioniert nicht.

Vertrauen ist abhängig von den Erfahrungen, die man mit Personen in bestimmten Situationen und Umgebungen gemacht hat. Diese Erfahrungen steuern ganz grundlegend die eigenen Erwartungen an die Situation und an das Verhalten der anderen Beteiligten in dieser Situation. Und nach diesen Erwartungen richtet man das eigene Verhalten aus.

Verhalten

Bei der Durchführung solcher Maßnahmen wird aber meist zu kurz gedacht:

Die Teilnehmenden haben es spätestens nach dem Workshop oder Seminar wieder mit genau den selben Menschen und Verhaltensweisen und Situationen zu tun, mit denen sie schon länger ihre Erfahrungen machen.

Sie haben schon längst ihre Schlüsse über die Glaubwürdigkeit und die Zuverlässigkeit ihrer Führungskräfte, Kolleginnen und Kollegen gezogen.

Das sind vielleicht Leute, die viel Energie in die Bewältigung ihrer Arbeit stecken und die Erfahrung kompensieren, dass die Situation strukturell von ihnen Selbstausbeutung erwartet. Die haben vielleicht keine vernünftigen Werkzeuge und nicht genug Wissen zur Verfügung und sollen dennoch fehlerfrei und pünktlich leisten.

Sie haben Probleme erkannt und angesprochen und wurden ignoriert. Sie haben sich ernsthaft Gedanken über Verbesserungen gemacht und ihre Lösungen wurden von Teammitgliedern übernommen und als eigene verkauft. Vielleicht sind sie auch bei Vorgesetzten gesessen, weil sie am Rand ihrer Kräfte waren, und wurden angeschnauzt.

Selbstschutz

Die Folge ist: Sie schützen ihre Grenzen, ihre Gesundheit und ihre Unversehrtheit. Sie schützen ihr Wissen, ihr geistiges Eigentum und ihre Kreativität. Manche sehen ihre Reputation kompromittiert und schützen auch diese.

Vor so einem Hintergrund haben weder Maßnahmen noch ihre Verkünder und Moderatorinnen eine Chance. Erst muss sich die Situation und das Verhalten des Umfelds für die Beteiligten nachvollziehbar, zuverlässig und glaubwürdig ändern, bevor sie sich auf eine Änderung ihres eigenen Verhaltens einlassen können. 

Scheinveranstaltungen bewirken nur weiterhin solide Blockade und sorgfältig gepflegtes Darstellen gewünschter, politisch vorteilhafter Verhaltensweisen.